Die Aufgabe, das Schöne zu überragen?
Österreich überragt alle. Das stand einmal auf Münzen, die heute nur noch in Sammlungen liegen. Der Spruch klingt nach Anmaßung, nach einem Echo aus Zeiten, die keine Zeugen mehr brauchen. Doch vielleicht haben wir ihn immer falsch verstanden. Vielleicht war er nie ein Titel, sondern eine Aufgabe – und die lautet nicht größer, sondern anders zu sein.
Die Paradoxie des Überragens
Was heißt es, das Schöne zu überragen? Nicht mehr zu haben, nicht lauter zu sein, nicht im Wettstreit der Attraktionen zu obsiegen. Das wäre Banalität. Nein, das Überragen des Schönen geschieht durch das Beispiel. Es ist jene seltene Kunst, etwas so zu gestalten, dass es nicht bewundert, sondern nachgeahmt werden will. Nicht als Kopie, sondern als Eingeständnis: So könnte es auch bei uns aussehen.
Der österreichische Raum hat diese Aufgabe nie durch Größe erfüllt, sondern durch Dichte. In einem Tal zwischen Alpen und Pannonikum wurde das Zeremoniell des Alltags perfektioniert: wie man vergeht, ohne zugrunde zu gehen. Wie man Scheitern in eine Melodie setzt. Wie man aus dem Imperfekt des Verfalls etwas macht, das länger hält als Perfektion.
Excellere als Maßstab setzen
Excellere – sich erheben – meint im lateinischen Ursprung nicht den Sieg über andere, sondern das Herausragen aus der Masse. Das ist ein entscheidender Unterschied. Man richtet sich nicht gegen etwas auf, man richtet sich überhaupt auf. Und das geschieht durch das Beispiel.
Ein Beispiel ist stiller als ein Befehl. Es arbeitet nicht mit Zwang, sondern mit Sehnsucht. Wien war nie deshalb Vorbild, weil es sagte: So müsst ihr leben. Sondern weil es zeigte: So könnt ihr leben, wenn ihr es wagt, das Schöne ernster zu nehmen als das Nützliche.
Das ist die eigentliche österreichische Revolution: die Entdeckung, dass Nutzlosigkeit überdauert. Die Kaffeehauskultur, die nichts produzierte außer Gedanken. Der Wiener Kongress, der nichts beschloss außer dem Gespräch selbst. Die Sissi-Mythen, die nichts erklären außer dem Bedürfnis nach Unerklärlichem.
Das Beispiel als höchste Form
Heute, in einer Zeit, die alles in Content verwandelt und Schönheit zum KPI degradiert, wird diese Aufgabe radikaler. Austria excellit inter omnes heißt jetzt: ein Beispiel zu sein für jene Form von Kultur, die nicht skalierbar ist. Für jene Art von Leben, die nicht optimierbar ist. Für jene Schönheit, die gerade darin besteht, dass sie nicht jedem gehört.
Das ist nicht elitär. Im Gegenteil: Es ist demokratisch im tiefsten Sinne. Denn ein Beispiel gibt sich preis, es verlangt nichts, es bietet sich an. Jeder kann es annehmen oder ablehnen. Aber es bleibt bestehen, unbeirrt von Meinungsumfragen.
In einem Zeitalter des globalen Lärms bedeutet excellere also: die Ruhe zu bewahren, aus der heraus das Beispiel spricht. Nicht als Rückzug, sondern als Konzentration. Als Entschlossenheit, das Schöne nicht als Luxus zu behandeln, sondern als Notwendigkeit – vielleicht die einzige, die uns noch unterscheidet.
Die Aufgabe für das Österreich von morgen
Der Spruch auf den alten Münzen war keine Selbstbeweihräucherung, sondern ein Versprechen: Wir überragen nicht, indem wir andere überragen, sondern indem wir uns selbst überragen – jeden Tag aufs Neue. Indem wir das Beispiel des Schönen leben, auch wenn niemand zuschaut.
Das ist die Aufgabe, die sich aus dem Titel ergibt: Nicht größer, nicht lauter, nicht besser zu sein. Sondern ein Maßstab. Ein Maßstab für jene, die noch glauben, dass Kultur nichts mit Unterhaltung zu tun hat und Schönheit nichts mit Perfektion.
Austria excellit inter omnes. Vielleicht sollten wir den Spruch wieder auf die Münzen prägen. Nicht auf die, die wir ausgeben, sondern auf die, die wir uns selbst geben: als Erinnerung daran, dass das Überragen des Schönen das einzige ist, was bleibt, wenn alles andere verhallt ist.

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